Agile Werte

Agile, Agile Werte

Wie war das noch mal, wann bin ich eigentlich mit diesem Begriff “Agile Werte” in Berührung gekommen? Genau, meine Scrum Schulung muss das gewesen sein, da war doch dieses Agile Manifest. 

Agile, Agile Werte
Agiles Manifest  (Beck, et al., 2001)

Na, das isses doch, oder? Na ja, nicht ganz, denn wenn man sich etwas näher mit dem Thema Agilität beschäftigt und dies vielleicht in einem etwas allgemeineren Kontext tut, dann ergeben sich noch weitere Werte. Bleiben wir aber zunächst bei den Werten aus dem Agilen Manifest. 

Individuen und Interaktionen haben Vorrang vor Prozessen und Werkzeugen

Menschen und deren direkter Austausch sind wichtig, weitaus wichtiger als das sture Befolgen von Prozessen oder leben von Formalismen. Es sind Menschen, die für die Umsetzung von Arbeit verantwortlich sind und keine noch so gut designten Prozesse, oder tolle Tools, können die direkte Kommunikation zwischen Menschen ersetzen. 

Das bedeutet aber nicht, dass Prozesse ignoriert werden sollen. S, sondern immer dann, wenn Prozesse die Arbeit behindern, dann gilt es aktiv zu werden, miteinander zu sprechen, Lösungen zu finden und eben nicht stur drauf zu beharren, dass unsinnige Regeln befolgt werden. 

Funktionsfähige (Software) – Lösungen haben Vorrang vor ausgedehnter Dokumentation

Kurzum: Ergebnisorientiert … und nein, das bedeutet nicht irgendwelche schicken Präsentationen, sondern echte, verwertbare Ergebnisse, oder auch Teilergebnisse. In jedem Fall etwas, mit dem der Auftraggeber, potentiell etwas anfangen kann. 

Natürlich bedeutet das nicht, dass nichts mehr dokumentiert werden soll. Insbesondere dann nicht, wenn die Dokumentation ein wichtiger Bestandteil des Arbeitsergebnisses ist. Aber bitte, nur das dokumentieren, was wirklich wichtig ist und sinnvoll verwendet werden kann. Hier hilft es sich vorher, in Abstimmung mit dem Nutzer des Arbeitsergebnisses, darüber zu verständigen, was an Dokumentation, tatsächlich benötigt wird.  

Zusammenarbeit mit den Kunden hat Vorrang vor Vertragsverhandlungen

Der Kunde und seine Wünsche und Ideen stehen im Mittelpunkt. Er ist aktiver Bestandteil des Entwicklungsprozesses, gestaltet die Lösung mit, liefert Input und wichtiges Feedback. Die Lösung für den Kunden muss im Vordergrund stehe und nicht etwa das Aufsetzen von möglichst wasserdichten Verträgen. 

Der intensive Austausch mit dem Kunden wird nicht nur zu Beginn und Ende eines Projektes gepflegt, sondern findet permanent statt. So gesehen ist der Kunde unsere wertvollste Ressource, ohne die wir nicht in der Lage sind eine sinnvolle Lösung zu erarbeiten. 

Das Eingehen auf Änderungen hat Vorrang vor strikter Planverfolgung

Änderungen sind ein wichtiger Bestandteil eines Lösungsprozesses, da oftmals nicht von Beginn an klar ist, wie die endgültige Lösung auszusehen hat. Geänderte Rahmenbedingungen, neue Ideen des Kunden die zu einem erhöhten Wertebeitrags der Lösung führen, all das kann, darf und muss mit einfließen. 

Natürlich ist dies kein Freibrief für eine ungeordnete und chaotische Vorgehensweise. Ein Plan ist sinnvoll, sollte aber auch immer anpassbar und flexibel bleiben. Das sklavische Festhalten an einem Plan, an dessen Ende eine Lösung entstanden ist, die wenig bis gar keinen positiven Wertebeitrag für den Kunden erbringt, ist wenig sinnvoll. 

Prima, dass war es dann, oder?

Ok, Werte des Agilen Manifests abgearbeitet, fertig … oder? Nicht ganz, denn neben den 4 Leitsätzen aus dem Agilen Manifest gibt es noch eine ganze Reihe von Agilen Werten, welche in diesem Kontext eine Rolle spielen: 

Selbstverpflichtung

Die Autorität des Einzelnen oder des Teams, Zusagen zu treffen und die Verpflichtung, diese dann auch einzuhalten. Ein wichtiger Werte, denn dahinter verbirgt sich neben der Verpflichtung Dinge wie zugesagt umzusetzen, eben auch die Autorität und Freiheit, Entscheidungen zu treffen. 

Respekt

Jeder Mensch hat seinen eigenen Hintergrund, seine eigenen Ansichten. Diese Individualität gilt es zu respektieren und wertzuschätzen. Darüber hinaus strebt jeder nach Erfolg und Anerkennung und wird sein bestmögliches tun, seine Aufgaben zu erfüllen. Dieses individuelle Streben ist anzuerkennen und es soll eben kein allgemeingültiger Maßstab gesucht werden, nach dem alle bemessen werden. 

Einfachheit

Einfache Lösungen sollen gesucht werden, die den größtmöglichen Mehrwert für den Kunden bringen. Keine technischen Spielereien, die nur unnötigen Ballast mitbringen. Damit ist auch gemeint, keine unnötige Arbeit in vermeintliche Mehrwerte zu investieren, wenn diese nicht vom Kunden benötigt werden.  

Fokus

Es geht um die Lösung und nichts als die Lösung. Eigentlich eine einfache Angelegenheit, aber oft liegt genau hier ein Problem. Wir verzetteln uns, verlieren das Ziel aus den Augen und investieren unsere Zeit in unnötige Dinge und Aufgaben. Es geht um Zielerreichung und dazu gehört auch, zu Aufgaben “Nein” zu sagen, sofern sie nichts zur Zielerreichung beitragen. 

Feedback

Arbeitsergebnisse früh und oft zeigen, um sich so eine Rückmeldung von allen Beteiligten einzuholen. Dieses Feedback gibt die Möglichkeit Anpassungen schnell in die Arbeit mit einfließen zu lassen. Dieses Feedback aber auch auf die Interaktion des Teams untereinander ausdehnen, um hier Verbesserungspotentiale zu erkennen.  

Kommunikation

Kommunikation von allen Beteiligten auf täglicher Basis, um wichtige Informationen schnell zu verteilen und gemeinsam zielgerichtete Lösungen zu finden.  

Mut

Der Mut offen zu kommunizieren, auch über Probleme und Schwierigkeiten. Kontroverse Themen werden nicht unter den Teppich gekehrt, sondern es wird gemeinsam nach Lösungen gesucht. 

Offenheit

Informationen müssen ungefiltert und zeitnah allen Beteiligten zur Verfügung gestellt werden. Es muss ein Umfeld geschaffen werden, in welchem Wahrheit und Ehrlichkeit ein sicherer Raum gegeben wird. Fehler dürfen offen eingestanden werden und es darf keine Atmosphäre des “Fingerpointing” herrschen. 

Werte???

Prima, da haben wir nun unsere Werte, nun ist ja alles klar, oder? Nicht ganz, es ist an dieser Stelle wichtig, sich folgende Aussage vor Augen zu führen: 

  • Agile Werte bilden den Kern agiler Vorgehensmodelle. 
  • Sie werden konkretisiert durch agile Prinzipien und Handlungsweisen 
  • Agile Methoden helfen uns bei der Umsetzung der Werte und Prinzipien im Projekt. 
  • Agile Vorgehensmodell verknüpfen Werte, Prinzipien und Methoden zu einem in sich schlüssigen Projektmanagement.
    (Timinger, 2017) 

Die Agilen Werte sind der zentrale Bestandteil aller agilen Vorgehensmodelle. Ohne diese Werte tatsächlich auch zu leben, sind die Vorgehensmodell nichts anderes als leere Hüllen. 

Genau an dieser Stelle tauchen auch immer wieder Probleme bei der Einführung agiler Vorgehensmodelle auf. Es reicht eben nicht aus, einfach nur Scrum mit seinen Rollen, Artefakten und Ritualen zu implementieren. Solange die Agilen Werte nicht gelebt werden, kann auch beispielsweise Scrum nicht wirklich funktionieren. 

Neben der Herausforderung, dass die Umsetzung der Agilen Werte in vielen Unternehmen zu einer grundlegenden Veränderung der Unternehmenskultur und Organisation führt, ist da noch die persönliche Ebene eines jeden Mitarbeiters. Werte sind Impulse, die Menschen zu einem bestimmten Verhalten bewegen. Sie umfassen geistige, sittliche, religiöse, aber auch private Werte. 

Werte sind tiefe Überzeugungen, welche erlebt, reflektiert und verinnerlicht werden müssen. 

Was bedeutet das nun aber im Kontext der Agilen Werte? 

Nun, Werte lassen sich nicht “mal eben so” als poppiges Hochglanzposter, Powerpoint Folie oder eintägiges Training transportieren. Sie müssen vorgelebt werden, dürfen eben nicht als blasse Worthülsen wahrgenommen werden. Auch ist es wichtig, den Menschen Zeit zu geben, neue Werte für sich zu reflektieren und sie nach und nach zu adaptieren. Es ist kein Schalter, der umgelegt wird, sondern eine persönliche Entwicklung, in der auch immer wieder Hilfe angeboten werden muss. 

Soviel also dazu zum Thema Agile Werte. Die aufgezählten Werte sind gut und wichtig, sind sie doch der Grundpfeiler Agiler Vorgehensmodelle. Aber gerade aus diesem Grund muss man sich ihrer Annehmen, sie mit Leben erfüllen, damit daraus mehr wird als lediglich schicke Begrifflichkeiten. Agilität und der Weg dorthin leben von Werten und diese gilt es zu reflektieren und zu adaptieren, nur so kann Veränderung in Richtung Agilität gelingen. 

Quellen:
Beck, K., Beedle, M., van Bennekum, A., Cockburn, A., Cunningham, W., Fowler, M., . . . Sutherland, J. (2001). Manifest für Agile Softwareentwicklung. Von https://agilemanifesto.org/iso/de/manifesto.html abgerufen 
Diehl, A. (November 2020). #DNO Digitale Neuordnung. Von Das Agile Manifest – Leitsätze und Werte agiler Teams: https://digitaleneuordnung.de/blog/agiles-manifest/ abgerufen 
Timinger, H. (2017). Modernes Projektmanagement. Weinheim: WILEY-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA. 

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